Interview mit Richard Löwenstein

In den letzten Wochen gab es hier im Blog immer mal wieder Interviews mit diversen Lichtgestalten aus der Computerbranche, wie beispielsweise mit Petro Tyschtschenko von Amiga Technologies und Andreas Magerl vom letzten deutschsprachigen Amiga-Printmagazin Amiga Future. Und auch heute konnte ich wieder eine echte Legende zu einem Interview motivieren, die wohl jeder ehemalige Amiga Joker und PC Joker kennen dürfte: Richard Löwenstein – ehemaliger Redakteur beim Joker Verlag!

CC: Hallo Richy! Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast uns für ein Interview zur Verfügung zu stehen. Viele werden dich noch als Redakteur vom Amiga Joker und natürlich PC Joker kennen. Aber vielleicht kannst du dich ja trotzdem einfach noch einmal vorstellen?

RL: Erstmal vielen Dank für das Interesse! Also, wenn ich mich kurz vorstellen darf: Mein Name ist Richard Löwenstein, bin 1970 geboren, wohne in Landsberg im Münchener Westen und scheine einen bedeutenden Teil mein Leben mit Video- und Computerspielen verbunden zu haben. Wenn ich nicht gerade spiele, über Spiele schreibe oder selber Spiele schreibe, dann lese ich vielleicht in einen Thriller von Dan Simmons oder ein Lustiges Taschenbuch von Disney. Höre Let it Ride von Triggerfinger. Fahre mit dem Auto durch das Allgäu, wahrscheinlich viel zu schnell. Oder treibe Sport.

Richard Löwenstein
Richard „Richy“ Löwenstein

CC: Wie bist du eigentlich zum Computer gekommen? Hast du dich schon immer für Computer und Computerspiele interessiert? Wie hat alles bei dir angefangen mit der Computertechnik?

RL: Zu packen bekam mich der Virus im Prinzip mit dem Aufkommen der ersten erschwinglichen Heimcomputer. Anfang der 80er-Jahre habe ich mir einen Sinclair ZX-81 eingebildet, weil der erschwinglich war. Mein Vater redete mir den aber aus und stattdessen einen Texas Instruments TI-99/4A ein. Besser so. War tatsächlich das viel bessere System. Über Extended Basic habe ich mir das Programmieren beigebracht. Als das erste Mal ein paar bunte Sprites über den Bildschirm flogen, da spürte ich so ein Kribbeln und wusste – das ist es. Mein erster Kontakt mit einem Game, das war übrigens so ein Pong-Telespiel für zu Hause. Hatte danach viel Spaß mit Centipede am Arcadeautomaten, Zaxxon auf dem Commodore 64, Turrican auf dem Amiga und vielem mehr. So kam eines zum anderen. Vielleicht darf ich Deine Leser auf meinen Blog einladen? (Anm. d. Red.: Aber klar!) Ich habe dort ein paar Zeilen über die Entstehung von Persian Gulf Inferno, Twinky und anderen Frühwerken aus meinem Leben hinterlassen.

CC: Später hast du dein Hobby ja dann zum Beruf gemacht. Neben der Entwicklung von Spielen für den C64 und Amiga hast du dich dann auch für den redaktionellen Teil rund um Computerspiele interessiert. Viele kennen dich wie gesagt noch vom Joker Verlag. Erzähle uns doch mal wie du zum Verlagswesen und speziell zum Joker Verlag gekommen bist und welche Aufgaben du dort inne hattest?

RL:Irgendwann bin ich über selbstprogrammierte Spiele und mehrere Listings des Monats für Happy Computer und das 64er-Magazin mit dem Markt+Technik-Verlag in Kontakt gekommen. Nachdem ich mich mit den Leuten des Verlags ein paar Mal getroffen habe, durfte ich einen eigenen Text verfassen: über eine Video-Anwendung für den Amiga namens „Fantavision“. Nach einer soliden Kaufmanns-Lehre wollte ich weiter über Games schreiben und bewarb mich bei der Powerplay und dem Joker Verlag. Der Joker war schneller.

Eigentlich hat mich der Verleger Michael Labiner 1991 eingestellt, weil er das PC-Joker-Magazin starten und dafür die Redaktion verstärken wollte. Dabei stellte sich heraus, dass meine Interessen eher woanders lagen: War ja totaler Amiga-Fan. Also kümmerten sich erstmal andere um den PC Joker und ich durfte für den Amiga Joker schreiben. Dort durfte ich über viele Jahre das Team und verschiedene Zeitschriften begleiten, erst als Redakteur und später als Chefredakteur. Meine Aufgaben: Magazinplanung, Kontakt zur Industrie aufbauen, den Markt im Blick behalten, mit Lesern plaudern und deren Interessen abklopfen, Messebesuche, Reise zur Herstellern zwecks Vor-Ort-Recherche. Nicht zu vergessen Screenshots anfertigen (noch mit Dunkelkammer, Prozessorbremse und Analog-Spiegelreflex auf einem Stativ!), etliche Wertungsdiskussionen und viele schöne Abende mit den Kollegen bei einem Bierchen.

CC: Was waren deiner Meinung nach die spannendsten Ereignisse während deiner Arbeit beim Joker Verlag. Gab es irgendwelche speziellen Anekdoten die du uns hier erzählen magst? Ihr hattet doch damals bestimmt eine Menge Spaß in der Redaktion gehabt. Vielleicht kannst du uns hier ja mal die witzigsten Geschichten erzählen? Und eine ganz wichtige Frage: Wer von euch war „Dr. Freak“? Es bleibt auch unter uns – versprochen! 😉

RL: Ach, da gab es viele spannende und witzige Ereignisse. Ganz tolle Pressetrips zum Beispiel. Durfte einmal in Zaandvort in Holland einen echten Formel-Rennwagen fahren, und für eine Woche nach Melbourne fliegen. Wir hatten viele beeindruckende Gäste im Haus. David Perry ist mir zum Beispiel im Gedächtnis geblieben. Mit welcher Begeisterung und mit welchem Charme der Kerl uns seinerzeit sein MDK vorstellte, also das war sagenhaft. Auf schräge Art und Weise faszinierend fand ich auch, wie sich das gesamte Team immer wieder gepusht hat, um die aktuellsten Spiele in die Hefte rein zu kriegen. Irgendwann erreichte uns zum Beispiel eine erste Demo des ersten richtigen 3D-Ego-Shooters für Amiga: Fears. Das war einen Tag nach Redaktionsschluss. Ich habe Michael Labiner bekniet, damit wir die Druckerei stoppen und das Thema noch ins Heft kriegen. Hat geklappt, wir waren die ersten.

Joker-Redaktion
Joker-Redaktion (Amiga Joker und PC Joker)

Apropos Erster, das erinnert mich an die Anekdote rund um das Jump’n’Run „Aladdin“. Der Hersteller ließ uns ein Diskset der AGA-Version für den Amiga 1200 zukommen. Es gab europaweit nur dieses eine Diskset. Weil wir Marktführer waren, bekamen wir es als erste Redaktion in Deutschland. Ich sollte die Disks nach dem Test weiterschicken nach Nürnberg zur Redaktion der Amiga Games. Das tat ich selbstverständlich. Konnte es mir aber nicht verkneifen, in die Startup-Sequenz eine kleine Textmeldung zu integrieren: „Amiga Joker: Always first“. Der Chefredakteur der Amiga Games muss gekocht haben. Jedenfalls erhielt ich zwei oder drei Tage nach Versand der Disks einen Anruf des Herstellers. Der PR-Manager wollte wissen, ob ich für diese kleine Grußbotschaft beim Bootvorgang verantwortlich sei. War ich, natürlich. Er nahm´s mit Humor. Der Chefredakteur der Amiga Games offenbar nicht. Wir hatten in den Jahren danach vielleicht zwei- oder dreimal direkten Kontakt, und jedesmal war da eine unschöne Stimmung. Schade. Zu „Dr. Freak“: Na also ich war’s nicht und ich kann schlecht für jemand anders das Outing betreiben, gell? Aber ein Tipp: Auf dem alten Joker-Foto ist die Person abgebildet. (Anm. d. Red.: Dann ist die Sache ja eindeutig… Die Brigitta wars! 😉 )

CC: Anfang 2001 war dann ja leider(!) Schluss mit dem PC Joker und Joker Verlag musste seine Segel streichen. Wie ist deine Erinnerung an diesen speziellen Tag? Oder hat sich das Ende bereits seit einiger Zeit angekündigt? Wie waren deine Pläne für die Zeit nach dem Joker Verlag und welche Wege bist du dann gegangen?

RL: Also eigentlich war schon Ende 2000 Ende Gelände. Als Chefredakteur wusste ich ungefähr seit dem Spätsommer 2000, was die Stunde geschlagen hatte und dass der Verlag bald zahlungsunfähig sein könnte. Durfte aber gegenüber der Mannschaft nicht reden – das wäre viel zu demotivierend gewesen. Außerdem bestand Hoffnung auf ein großes Darlehen einer Bank. Irgendwann im Spätherbst 2000 kam ich eines Morgens ins Büro und sah die Frau des Herausgebers mit Tränen in den Augen. Da wusste ich, was los ist. Sie und ihr Mann hatten den Verlag schließlich aufgebaut, und jetzt war alles zu Ende. Eine Stunde später versammelte sich das gesamte Team und erfuhr vom Herausgeber, dass er den Verlag dichtmachen muss. Totale Stille im Raum.

Danach blieben uns nur noch wenige Stunden Zeit, damit jeder seine Siebensachen packt und das Gebäude verlässt. Bei Zahlungsunfähigkeit sind die Gesetze sehr streng. Wären wir länger geblieben, könnte das dem Verleger als fahrlässige Insolvenzverschleppung ausgelegt werden. Das kann Knast oder Geldstrafe bedeuten. Na jedenfalls wir hatten alle irgendwie einen geilen Nachmittag. Wir haben nur gespielt, was getrunken und uns am Abend in einer irischen Kneipe abgefüllt. Den Abend werde ich nie vergessen. Die Tage danach auch nicht. Plötzlich war da kein Arbeitsplatz mehr, wo du frühmorgens hinfahren kannst. Kein Team mehr, mit dem du lachen kannst.


10-jähriges Jubiläum des PC Joker (Michael Labiner bei GIGA)

CC: Hast du eigentlich noch selbst einen Amiga Zuhause oder warst du schon immer eher ein Konsolengamer? Falls ja, welche sind deine Lieblingskonsolen (auch Klassiker) und warum? Hast du noch echte Konsolenklassiker und wie sieht dein Computerspiele-Fuhrpark aus?

RL: Ich löse seit rund zwei Jahren fast meine komplette Games-Sammlung auf und habe viele Konsolen, meinen Amiga 500, Amiga 4000 und das Amiga CD32 in gute Hände gegeben. Soweit es retro betrifft, besitze jetzt nur noch einen Amiga 1200, Super Nintendo, Sega Mega Drive und ein paar Spiele aus den 90er-Jahren, die mir am Herzen liegen: Super Metroid und Thunderforce IV zum Beispiel. Ansonsten halte ich alle heute gängigen Systeme betriebsbereit, das brauche ich für meinen Job. Ach ja, und ein Neo Geo X wegen Last Resort. Einer der besten Horizontalshooter aller Zeiten, wenn du mich frägst.

CC: Apropos Konsolen: Aktuell gibt es ja ein ordentlichen Kopf-an-Kopf-Rennen im Bereich der Next-Generation-Konsolen – sprich Xbox One und Playstation 4. Welche der neuen Konsolen ist dein persönlicher Favorit und warum? Aktuell sind die Verkaufszahlen der PS4 zwar höher, allerdings wird die Xbox aktuell auch noch in deutlich weniger Ländern angeboten. Wer wird am Ende die Nase vor haben?

RL: Ich werde wohl nie so ganz verstehen, warum so Medien und Stimmen auf „Verkaufszahlen“ aus sind. Für mich haben solche Zahlen nicht die geringste Bedeutung – es ist mir ziemlich schnuppe, ob die Playstation 4 viermal mehr verkauft als die Xbox One, bin ja schließlich nicht am Verkaufserlös beteiligt. Nein: Ich wünsche mir einfach nur gute Unterhaltung. Konkret wünsche ich mir von beiden Systemen einen richtigen Tritt ins Kreuz. Der bisher gezeigte Stoff erinnert mich noch zu sehr an Playstation 3 und Xbox 360. Wenn ich mich für ein aktuelles Modell entscheiden müsste, wäre es vermutlich die Playstation 4. Nicht wegen Resogun oder weil es bessere Spiele gäbe, sondern weil mir die Konsole benutzerfreundlicher scheint. Als ich neulich Destiny auf der Xbox One daddeln wollte, forderte mich die Konsole zum Download von 1,8 GB für ein Systemupdate auf. Der Download wurde zwei- oder dreimal abgebrochen und jedesmal von vorne begonnen. Am Ende hat es drei Stunden gedauert, bis ich Destiny endlich starten durfte. Also benutzerunfreundlich ist das nicht. Solche „Kleinigkeiten“ geben für mich den Ausschlag.

CC: Was hälst du vom PC als Spielemaschine der Zukunft? Hat er inzwischen ausgedient oder geht es jetzt erst richtig los?

RL: Sorry, aber der PC als Spielemaschine ist leider nicht mehr mein Thema. Wo immer ich kann, bevorzuge ich Spieleversionen für Konsole oder Smartphones. Sogar meine Arbeit erledige ich inzwischen am Mac, weil ich leider Hassgefühle in mir aufsteigen spüre, jedesmal wenn ich Windows 8 anfassen muss.

CC: In welchen Bereichen bist du jetzt eigentlich genau tätig bzw. wo soll die Reise hingehen? Auf deiner Website www.richard-loewenstein.de findet man ja sowohl einen Bereich „Textwerk“ als auch den Bereich „Spielwerk“. Was sind deine aktuellen Projekte und welche kommen demnächst auf uns zu?

RL: Zuletzt durfte ich verschiedene Magazin mit aufbauen und leiten, zum Beispiel Xbox 360 Live und Playstation 3M, oder die IDG-Sonderhefte zum Launch von PLayStation 4 und Xbox One. Aber das waren vermutlich meine letzten größeren Projekte im Printwesen. Momentan schreibe ich vorrangig für T-Online über Games und für das Mediennetzwerk Bayern über die hiesige Spieleszene. Ansonsten zieht´s mich zurück in die Games-Entwicklung. Mein erster Gehversuch ist zusammen mit Ravensburger Digital entstanden: ein nettes Puzzlegame namens Anno Domini für iPhone und iPad. More to come. Ach übrigens, großes Dankeschön an jeden der sich Anno Domini mal anschaut. Ist echt ein ganz cleveres Game.

Richard Löwenstein on Tour
Richard Löwenstein on Tour

CC: Was machst du eigentlich so, wenn du nicht gerade am Rechner sitzt?

RL: Habe ich glaube ich eingangs schon zum Teil beantwortet. Denke außerdem zurzeit über Reisepläne nach. Meine Freundin und ich, wir hatten uns das komplette Jahr 2011 über aus Deutschland abgesetzt und eine Weltreise gemacht. Gibt sogar einen Youtube-Kanal und paar eBooks darüber, wer sich dafür interessiert. Würde jedenfalls gerne mal wieder weiter weg sein und in einem exotischen Land die Leute kennenlernen. Würde gerne mal wieder Florida, Peru oder Japan besuchen.

CC: Richy, ich danke dir für das Interview und wünsche dir weiterhin viel Spaß und Erfolg!

RL: Gerne geschehen. Danke übrigens dass ich nix zu Rise of the Robots sagen musste. 🙂 (Anm. der Red.: Das kommt dann im nächsten Interview – versprochen! 😉 )